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Dorfanalyse über Gemünden vorgestellt

Gemünden/Nieder-Gemünden (ek). Am 16.01.2012 wurde in einer Veranstaltung in Romrod die vom Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung in Zusammenarbeit mit der Stiftung Schloss Ettersburg erarbeitete Studie "Die Zukunft der Dörfer - Zwischen Stabilität und demografischem Niedergang" vorgestellt. Untersucht wurden der thüringische Landkreis Greiz sowie der Vogelsbergkreis. Eine ergänzende Studie im Rahmen des Projektes „Vielfalt tut gut“ bezog sich dabei auf Gemünden mit seinen sieben Ortsteilen, ferner gab es entsprechende Untersuchungen in Romrod und in Mücke, wie die zuständige Sachgebietsleiterin des Kreisjugendamtes Silvia Lukas zu Beginn einer Präsentationsveranstaltung am Montagabend im Feuerwehrgerätehaus ausführte. Dort wurden im Verlaufe eines kurzweiligen Power-Point-Vortrages die Ergebnisse zur Dorfanalayse bezogen auf die sieben Gemündener Ortsteile präsentiert. Studierende der Fachschule für Sozialpädagogik aus Lauterbach stellten ihre Ergebnisse vor, nachdem zuvor Bürgermeister Lothar Bott die Gäste und die annähernd 50 Bürger aus allen Gemündener Ortsteilen begrüßt hatte. Unter den Besuchern waren auch zahlreiche Kommunalpolitiker, die sich natürlich Erkenntnisse für die weitere politische Arbeit erhofften.

Zu Beginn des Vortrages stellten die Referenten ihre Eindrücke und Einschätzungen zu den Ortsteilen von Gemünden vor, wobei diese sich nicht zwangsläufig mit den Empfindungen der dort wohnenden Bürger deckten. Einer Aufstellung vorhandener Infrastruktur lies man persönliche Eindrücke folgen. 

So kam man zu dem Schluss dass beispielsweise Burg-Gemünden sehr beengend und unübersichtlich wirkt. An den Häusern könne man viele Wandgemälde sehen, die Vorgärten seien sehr gepflegt und die Menschen wirkten auf die Interviewer eher verschlossen. Bezogen auf Ehringshausen war zu hören, dass viele Fachwerkhäuser einen gepflegten Eindruck machen. Es gebe aber auch viele Neubauten. Die Vorgärten seien sehr einladend und gepflegt. Das Dorf wirke freundlich und sehr farbenfroh. Die Studenten stellten fest, dass die Personen am Anfang leicht irritiert von ihren Anliegen waren, sich danach jedoch geöffnet und mit vollem Elan die Fragen beantworteten. Ähnliche Feststellungen gab es auch bezogen auf Elpenrod, wobei die Referenten festhielten „das erste Haus erweckte das Gefühl von Leblosigkeit“. Gleichwohl lobten sie viel Grün und farbenfrohe Gestaltung und eine positive Infrastruktur. Bezogen auf Hainbach sprach man von einem klassischen Dorf (in der Mitte des Dorfes Kirche, drum herum Häuser, in der Nähe die Bushaltestelle). Wie bei vielen der Ausführungen, die per Power Point an die Wand geworfen wurden, klangen dabei aber auch Klischeevorstellungen durch, die Bewohner von städtischen Regionen gegenüber dem ländlichen Bereich immer wieder mal verlauten lassen. So beispielsweise „Kuhdung auf der Straße, sehr ruhig und gelassen, viele freilaufende Tiere, fast jedes Haus ist ein alter Bauernhof, wenig Straßenverkehr, Altersdurchschnitt ist sehr hoch“. Positiv werteten die Referenten die Eindrücke von Nieder-Gemünden, sicherlich auch ein Verdienst der dort erst kürzlich abgeschlossenen, notwendigen Infrastrukturmaßnahmen im alten Ortsteil, die augenscheinlich zu einer deutlichen Aufwertung geführt haben und sich wohl eindrucksvoll auch für Außenstehende erschließen. Erinnert sei in diesem Zusammenhang an den Wasser-, Kanal- und Straßenbau in der Hohlstraße, der Beunegasse, Rathausgasse, Brunnengasse und im Brühlweg einschließlich der Erneuerung der Ortsdurchfahrt Anfang 2000 und der Rathaussanierung.

Zum Schmunzeln eine Momentaufnahme von Otterbach, wo die Referenten kaum Autoverkehr feststellten und dazu ergänzten: „zwischen einem Traktor und einem Bus, aus dem nur ein Kind ausgestiegen ist, lagen 7 min. 31 sek. Wartezeit, der Traktor kam nach 22 min und 14 sek. zurück“. Vogelgezwitscher habe man gehört und sogar auf 500 Meter Entfernung Zettel rascheln, die aus einem Briefkasten genommen werden. Auch nur eine Momentaufnahme ergab sich schließlich in Bezug auf Rülfenrod, wo die Interviewer zu dem Eindruck kamen, dass die Menschen eher wenig Lust hatten weiter zu helfen, zurückhaltend seien und wenig Zeit hätten. Sie würden alle in ihren Häusern sitzen -  die Stimmen habe man durch die geöffneten Fenster gehört.

Im Rahmen dieser Analyse wurden Kommunalvertreter/innen befragt, aber auch Vertreter/innen von Vereinen, Jugendinitiativen, Burschenschaften, ebenso wie Kinder/Jugendliche (bis 25 Jahre), Erwachsene (26-64 Jahre) und Senior/innen (ab 65 Jahre). Im Rahmen dieser Befragungen gab es entsprechende Fragen, die sich natürlich auf die jeweiligen Altersstrukturen bezogen und sich vor allem mit dem persönlichen Empfinden zum „Ist-Zustand“, auf Perspektiven und Wünsche ebenso bezogen, wie auf Erwartungen in der Zukunft. Mit der Einteilung in Altersklassen bei den Befragten und entsprechend zielgerichtete Fragen konnten so im Rahmen der Auswertung Schwächen und Stärken in den Dörfern ebenso erkannt werden, wie Risiken, Chancen, Ideen und Wünsche. Einige dieser Kernfeststellungen, aufgeteilt in verschiedene Kategorien, wurden im weiteren Verlauf von den Referenten präsentiert.

Danach möchte die Mehrheit der Kinder und Jugendlichen in ihren Dörfern bleiben oder später wiederkommen. Einige machten Bleiben oder Gehen von Jobaussichten abhängig, wenige sagen: Auf keinen Fall bleiben. Die Mehrheit der Erwachsenen möchte bleiben, viele sind im Dorf aufgewachsen und fühlen sich damit verbunden, einige sind wegen Heirat oder Ruhebedürfnis zugezogen. Nur wenige möchten danach wegziehen oder würden lieber woanders wohnen wollen. Die absolute Mehrheit der Senioren möchte danach in den Dörfern bleiben, viele sind dort aufgewachsen und fühlen sich mit ihrem Dorf verbunden. Nur einer würde gerne wegziehen, wenn er die Möglichkeit dazu hätte. Was auffällt bei den Auswertungen bezogen auf Einschätzungen bei Schwierigkeiten und Schwächen in fast allen Alterskategorien ist die offenbar fehlende Integrationsfähigkeit zugezogener Bürger und damit auch einhergehend eine als fehlende empfundene Nachbarschaftshilfe und –unterstützung. Immer wieder angeführte wurde offenbar das fehlende Freizeitangebot, aber auch schlechte Spielplätze und nicht angebotene Ausbildungsplätze, was die Jugend zum Verlassen der Orte zwinge. Daraus folgt fast zwingend auch die Feststellung, dass sich die Jugend bei der Dorferneuerung mehr einbringen müsse. Schließlich wird auch immer wieder die mangelhafte Anbindung verschiedener Orte an die öffentlichen Verkehrsmittel angeführt, ebenso wie die fehlenden Einkaufs- und Versorgungsmöglichkeiten.

Es gibt aber auch hoffnungsvolle Einschätzungen in Bezug auf die vorhandenen Stärken, wobei dort immer wieder die Vereinsaktivitäten, die Strukturen von Jugendgruppen, der Zusammenhalt bei der Jugend und auch die gewachsenen Dorfgemeinschaften angeführt werden. Engagement bei Initiativen, bei Eigenleistungen und Förderung des Miteinander wurden immer wieder genannt. Darüber hinaus auch das generationsübergreifende Verhältnis zwischen Jung und Alt und vor allem auch eine besondere Stärke auf dem Land, die schöne Landschaft, die Natur und die saubere Luft.

Die Analyse sieht in ihrem Ergebnis erfreulich viele Chancen, die sich bieten und mit deren Aufgreifen ein weiterer Rückgang der Bevölkerung zumindest gestoppt werden könnte. Es gibt viele Ideen und auch Wünsche, wobei die Schaffung von Einkaufsmöglichkeiten eine Option ist, bei der es aber die Bevölkerung selbst in der Hand hat ob diese Option auch erfolgreich wird. In der jüngsten Vergangenheit gab es diesbezüglich privates Engagement, aber wenn die Bürger „ihre“ Läden vor Ort nicht unterstützen können diese auf Dauer nicht überleben. Nur jammern und sich über fehlende Einkaufsmöglichkeiten beschweren ist allein nicht ausreichend – es bedarf dann auch eines gewissen Umdenkens in eingespielten Handlungsweisen. Dieses Umdenken wird in allen Altersklassen notwendig werden, entsprechende Initiativen erfordern dann aber auch politische Unterstützung, die heute noch nicht überall zu finden ist.

Gleichwohl sind dabei nicht alle erkannten Chancen und geäußerte Wünsche realisierbar, aber die Bürger werden es wohl vielfach selbst in der Hand haben alte Strukturen zu verändern und gemeinsam mit den politisch Verantwortlichen das Leben in den Dörfern attraktiv und damit lebenswert für zukünftige Generationen zu gestalten. 

Bereits zu Beginn des Vortrages war deutlich darauf hingewiesen worden, dass alle Ergebnisse nicht repräsentativ sein können und lediglich eine Momentaufnahme darstellen. Die Befragungen vor Ort wurden im August 2011 durchgeführt und es konnten natürlich nur zufällig angetroffene Bürger auch tatsächlich befragt werden.

Positiv wertete am Ende Silvia Lukas den auffällig hohen Prozentsatz von Jugendlichen, die gerne in den Dörfern bleiben wollen. Dies sei gegenüber den anderen Umfragen und Erhebungen im Vogelsbergkreis deutlich besser und biete somit entsprechende Chancen, wenngleich natürlich alle Umfrageergebnisse nicht repräsentativ seien. Lobend  hob sie gegenüber anderen Kommunen das Vorhandensein von zahlreichen Räumlichkeiten für die örtliche Dorfjugend hervor – dies sei beispielhaft und Spitze im Kreisgebiet. Bürgermeister Bott schließlich machte am Ende deutlich, dass die Umfrage auch klar gemacht habe, dass es Defizite in der Wahrnehmung der Bevölkerung gebe. So habe man beispielsweise in allen Ortsteilen Dorfgemeinschaftshäuser, in 5 von 7 Ortsteilen jeweils eigene Jugendräume und auch Spielplätze. Darüber hinaus sei auch die Anbindung an den öffentlichen Personennahverkehr in allen Ortsteilen vorhanden, gleichwohl sprachen viele Interviewte immer wieder nur von Schulbussen. Gerade diese Busse seien aber auch Teil des ÖPNV und damit für jedermann zu nutzen. Es gebe wohl noch viel Öffentlichkeitsarbeit zu leisten, um besonders auch bereits vorhandene Verbesserungen hervorzuheben und entsprechend bekannt zu machen. Beispielhaft hierfür nannte er auch die seit Dezember 2011 geänderte Taktung auf der Vogelsbergbahn, wo jetzt sowohl Ehringshausen wie auch Burg- und Nieder-Gemünden jeweils tagsüber im Stundentakt bedient würden, was gegenüber dem 2-Stundentakt vorher eine erhebliche Verbesserung im ÖPNV für Gemünden bedeute.