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Das Dorfleben – Brauchtum und die Feste in Burg-Gemünden

In Burg-Gemünden ist eigentlich das ganze Jahr etwas los, im neuen Jahr beginnen nach den Jahreshauptversammlungen die Faschingsvorbereitungen, anschließend findet traditionell das Heringsessen statt. Zu Ostern findet alle zwei Jahre ein großes Osterfrühstück der Kirchengemeinde statt.

Einen besonderen Brauch gibt es in der Walpurgisnacht vom 30. April zum 01. Mai eines jeden Jahres. Was nicht niet- und nagelfest ist, wird von dunklen Gestalten heimgesucht und findet sich tags darauf an einer anderen Stelle des Ortes wieder. Daher sieht man vorsichtige Bürger unseres Dorfes ganz fleißig zuvor ihr Hab und Gut aufräumen und in Sicherheit bringen.

Der Brauch hat zwar inzwischen etwas nachgelassen, aber aktiv sind die huschenden Gestalten nach Mitternacht noch immer.

Ebenso zählt die Versteigerung der Dorfschönen schon lange zum Brauchtum des Dorfes. Am Abend des 30. April treffen sich die jungen Männer des Dorfes, um meistbietend Maikönigin und Maikönig zu ermitteln, auch streichen genannt. Zwischen Maikönig und Maikönigin wurde ein Sandpfad gestreut, damit jeder im Dorf sehen konnte, was sich da ereignet hatte. Der weibliche Part hatte (und hat) sich stets zu fügen.

Früher war es auch so, daß Maikönig und Maikönigin auf der Kirmes den Tanz eröffneten und der Bursche, der ein Mädchen „gestrichen“ hatte, mit dieser auch den ersten Tanz bestreiten durfte. Letzteres wird heute allerdings nicht mehr gepflegt. Hatte ein Bursch kein Mädchen mehr zum „Streichen“ abbekommen, mußte und muß er auch heute noch ein Pferch-Geld zahlen.

Es kommt immer wieder mal vor, dass manche Burschen zu voreilig sind und dann auf Geboten sitzenbleiben, und haben dann zwei oder gar drei Mädchen ersteigert. Außer, daß die Gebote in barem Geld zu begleichen waren, hatte dies allerdings keine großen Folgen mehr. Es war halt nur ein Spaß und sonst weiter nichts.

Vor der Versteigerung hatte die Burschenschaft das traditionelle Burschen gesetzt. Eine Veranstaltung, wie sie in anderen Dörfern auch durchgeführt wurde, aber weit weniger ritualisiert.

Jugendliche im Alter von 15 und 16 Jahren, wenn sie in die Burschenschaft und damit in die dörfliche Gemeinschaft aufgenommen werden wollten, mußten und müssen sich noch heute einer Prüfung, einem Ritual unterwerfen. Zunächst muß jeder erst einmal sich der versammelten Meute von anderen Burschenschaftlern des Ortes vorstellen und seine Gebühr entrichten. Danach darf von den Prüflingen bis zum bitteren Ende der Prüfung nicht mehr geredet, nicht mehr gelacht oder sonstige Äußerungen getätigt werden. Das gibt Striche und die kosten jeweils nochmals Geld.

Nach einem halben Liter Bier, der auf einen Zug getrunken werden muß, folgt das Rauchen, besser das Paffen, einer ganzen Zigarre, danach folgt auf Kommando ein Pfefferschnaps, die „Heimertshäuser Engelsmilch“. Der letzte, der den Schnaps hinuntergespült hat, bekommt noch einen Nachschlag. Nach einer kurzen Verweildauer folgt nochmals ein halber Liter Bier. Der Alkohol soll ja auch wirken, der Zigarren- und Zigarettenqualm beißt bereits hier vielen in die Augen. Danach folgt das Austeilen der „Original-Burg-Geminner-Bäjersopp“. Ein heißes Getränk aus Schnaps, meist wieder Engelsmilch, Bier, Zwiebeln, Paprika und weiteren allerlei Gewürzen wird von den Älteren gebraut. Dies wird in einem Suppenteller verabreicht und muß auf Kommando schnellstmöglichst ausgelöffelt werden. Der letzte erhält wiederum einen Nachschlag. Spätestens jetzt verabschieden sich einige schon Richtung Toilette. Es folgt das sog. „Schnupfen“ und das „Rasieren“. Beim Schnupfen wird den Prüflingen eine gehörige Brise Schnupftabak mit einer Schnupfmaschine eingeschossen. Zielt man nicht so ganz genau oder bewegt sich beim Abschuß der Prüfling, landet die Brise statt in der Nase schon mal in den Augen. Beim Rasieren wird der Kopf des Prüflings nach hinten gelegt und Gesicht, Kinn und Backen mit richtig schäumendem Spülmittel und einer allerdings neuen Toilettenbürste eingeseift. Die Nasenlöcher werden zugehalten. Irgendwann muß dann mal Luft geholt werden. Tut der Prüfling dies, erfolgt ein weiteres Einseifen, drei- bis viermal folgt dieses Prozedere. Natürlich schluckt der Prüfling auch etwas vom Schaum. Die Toilettenbürste ist rauh, ein Abrubbeln des Schaums von Kinn und Backen mit einem normalen Handtuch hinterläßt da schon mal einige Spuren. Wenn’s gut gegangen ist, wird’s nur rot, ansonsten blutet es. Doch hat der Alkohol in der Regel bereits empfindlich das Schmerzempfinden der Prüflinge gestört. Zum Abschluß der Prüfung wird ein Stuhl auf einen Tisch gestellt, der Prüfling hat noch in reinem Dialekt einen Treueschwur zu leisten. Er muß hinauf, sich zu Beginn und am Ende verbeugen und seinen Schwur kundtun. Kann er das nicht mehr oder leistet sich Fehler, muß er wieder hinunter, wird seiner Fehler belehrt und muß wieder hinauf. Das Wahrnehmungsvermögen und die körperliche Verfassung lassen entsprechend nach. Doch geschafft hat es schließlich noch jeder, ob mit drei, sieben, zehn oder fünfzehn Versuchen.

In anderen Ortschaften wird die Burg-Gemündener Prüfung als zu brutal empfunden, in Burg-Gemünden sieht man das etwas anders, denn geändert hat sich bisher im Ritual nichts. Lediglich für Jugendliche, die keinen Alkohol trinken dürfen, werden andere Getränke aus Cola und Fanta gemixt, die aber nicht weniger ihre Wirkung verfehlen.

Alle zwei Jahre findet auf dem Gelände neben der Kirche das traditionelle Pfingstsingen des Ev.Singkreises statt. Zur Sonnenwende veranstalten die Vereine des Ortes abwechselnd das sog. Sonnwendfeuer. Viele Bürger des Ortes erwärmen, erfreuen und erquicken sich dann am zuvor aufgestellten brennenden Holz und manchmal auch Unrat auf dem Steinberg an den lodernden Flammen. Kühle Getränke und heiße Speisen warten ebenfalls auf die Besucher. Jüngere Generationen können schon nichts mehr mit der Sonnenwende anfangen, dann heißt es auch oft nur „Steinbergfest“. Da das Gelände nicht gut zu erreichen und hügelig ist, hat man sich zuletzt dazu entschlossen, eine Ecke des Festplatzes für das Sonnwendfeuer zu nutzen. Die zahlreich erschienen Besucher gaben dem Veranstalter Recht. Neben optimalen Stellmöglichkeiten für Theke, Tische und Bänke befinden Toiletten in unmittelbarer Nähe, ein wichtiger nicht zu unterschätzender Vorteil.

Immer am zweiten Wochenende im August findet die tradionelle Kirmes statt. Im Jahre 2004 feierte man bereits die 33. Zeltkirmes in Burg-Gemünden, sie dauert immer 3 bis 4 Tage, je nach Veranstalter. Der Frühschoppen am Montag hat dabei eine ganz besondere Tradition, neben toller Atmosphäre und guter Stimmung reißt er doch regelmäßig die ganze Veranstaltung finanziell noch aus dem Feuer. Die Kirmesveranstaltung verlangt bereits im Vorfeld ein großes Maß an Planung und Organisation. Aufgrund der weiter fortschreitenden Alterung der traditionellen Vereine wird hier sicherlich die Zukunft zu Veränderungen führen.

Alle 3 Jahre findet der Tag des offenen Denkmals statt, hier haben wir im letzten Jahr eine ganz tolle Veranstaltung erlebt. Dank der Zur-Verfügungs-Stellung des Burg-Geländes von Herrn Rittmansberger, dem Schloßherrn, konnte ein schönes Fest mit vielen Besuchern gefeiert werden.

Hin und wieder wartet auch der hiesige Obst- und Gartenbauverein mit einem Fest auf. Das kann mal ein Blütenfest oder auch eine Erntedank-Fest sein. Ebenfalls alle zwei Jahre findet in der Ev.Kirche ein großes Weihnachtskonzert statt, bei dem alle Gesangsgruppen im Dorf mitwirken.

Eine kulinarische Spezialität der Burg-Gemündener ist der „Salzekuchen“, auch „Brotmattekuchen“ oder einfach nur „Mattekuchen“ genannt. Wie die Griechen ihre Pizza erfanden (die Griechen erfanden die Pizza und nicht die Italiener), so entstand auch die Burg-Gemündener Bauernpizza. Beim Brotbacken blieben immer Reste übrig, die nicht mehr für einen ganzen Laib reichten. Kartoffeln und Milch gab es in der Landwirtschaft genügend, so mischte man es ein wenig zusammen und erfand so den Urtyp des „Mattekuchens“. Heute nimmt man als Michfolgeprodukt Quark statt Milch. Quark läßt sich leichter verarbeiten. Man vermischt den Quark mit den zuvor warm gepellten und gemahlenen Kartoffeln zu einer breiigen Masse, wartet dabei aber, bis die Masse abgekühlt ist, gibt noch einige Gewürze, wie z.B. Knoblauch, Pfeffer und Paprika hinzu, breitet dann diese Masse auf einem dünnen Brotsauerteig aus, verteilt die Masse gleichmäßig, gibt zur Garnierung noch feine Speckstückchen obenauf und läßt das ganze goldbraun im Backhaus backen, etwa 20min lang. Fertig ist der Gaumenschmaus. Die örtliche Burschenschaft richtet jedes Jahr zweimal ein solches „Mattekuchen-“ oder auch „Salzekuchenessen“ aus. Gebacken und verschnitten wird der „Salzekuchen“ auf großen Backhaus-Blechen. Natürlich schmeckt er am besten frisch aus dem Backhaus.

Ebenso zu den Spezialitäten zählt die „Blutmatte“ oder „Geilshäuser Matte“, deren Hauptbestandteile Blut und Fett sind. Die Metzger wissen inzwischen, was den Burg-Gemündenern schmeckt und haben ihr Angebot darauf eingestellt.

Burg-Gemünden, ein malerisch schön gelegenes Dorf am nordwestlichen Rande des Vogelsberges gelegen, wer’s nicht kennt, hat was verpaßt und der ist gerne dazu eingeladen uns und unser Dorf zu erleben.