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Über 200 Besucher beim 3. Tag des offenen Archivs



Im Rahmen der Gemündener Kulturwochen fand der 3. Tag des offenen Archivs am vergangenen Sonntag statt. Trotz des schönen Wetters kamen über 200 Menschen (die am weitesten Angereisten aus Ingelheim am Rhein)  die die zahlreichen Belege studierten, die die Mitarbeiter des Archivs sorgfältig ausgewählt und präsentiert hatten.

Roland Albert hatte die ergänzenden Texte zur Ausstellung verfasst und gab auch die nötigen Erläuterungen, wenn Fragen von den Besuchern kamen. „Was hat das Potsdamer Abkommen mit unseren Dörfern zu tun?“, so lautete seine Frage während seiner kurzen Einführung. „Wie man sehen kann, eine ganze Menge: Entnazifizierung, Demokratisierung und das große Problem der Heimatvertriebenen werden hier im Mikrokosmos der Weltpolitik abgebildet.“ Auch das Zitat vom damaligen Bundespräsidenten von Weizsäcker brachte die Zu7hörer zum Nachdenken: „Geschichte wiederholt sich nicht, aber sie wiederholt ihre Lehren“.

Zu Beginn des Nachmittagsprogrammes begrüßte zunächst Karl Pitzer, ehrenamtlicher Leiter des Gemeindearchivs, die sehr zahlreich erschienen Besucher. Pitzer erläuterte in einem kurzen Überblick die Arbeit der ehrenamtlich tätigen Archivmitarbeiter und stellte diese namentlich vor. In einem Vergleich mit anderen kommunalen Archiven sei man durchaus sehr gut aufgestellt und sei damit für Gemünden auf einem sehr guten Weg. Pitzer ermunterte die Gäste sich die Arbeit im Archiv im Rahmen persönlicher Gespräche näher erläutern zu lassen. Er dankte bei dieser Gelegenheit aber auch all den freiwilligen Helfern hinter den Kulissen und im Catering, die durch ihre Unterstützung die Durchführung der Veranstaltung erst möglich gemacht hatten.  Für den Kulturring begrüßte dessen Vorsitzende Sabine Höhn die Besucher. Sie warb für die noch anstehenden Veranstaltungen im Rahmen der Kulturwochen und sprach von einer beeindruckenden Bilanz der bisherigen Angebote, die bei den Besuchern durchweg einen positiven Eindruck hinterlassen hätten. Für den erkrankten Bürgermeister lobte der erste Beigeordnete Eckhard Kömpf die hervorragende Arbeit der Archivmitarbeiter. Er unterstrich die Bedeutung kommunaler Archive, die Geschichte erhalten, erfahrbar machen und damit auch zukünftigen Generationen einen eindrucksvollen Einblick in das tägliche Leben und in die Abläufe kommunalen Handelns längst vergangener Tage ermöglichen. Im Vergleich mit anderen Kommunen sei man in Gemünden in diesem Bereich sehr gut aufgestellt, so Kömpf weiter. Die Arbeit im Archiv sei bei allen gemeindlichen Gremien anerkannt und werde auch entsprechend wertgeschätzt. Investitionen in der Vergangenheit hätten wesentlich dazu beigetragen, dass man im Archiv über moderne Technik verfüge und inzwischen die Digitalisierung zum täglichen Geschäft gehöre, so Kömpf abschließend.

Mit über 100 Dokumenten, Zeitzeugenberichten, Plakaten und auch Wahlzettel wurde die bewegte Geschichte der Dörfer von 1945 bis 1949 im Rahmen dieses Tages präsentiert. Zusätzlich nahmen zahlreiche Besucher das Angebot des „offenen Archives“ an und ließen sich von den Mitarbeitern durch die Arbeits- und Magazinräume führen.

Die Organisatoren trauten ihren Augen nicht, als mehr als 130 Leute sich für den Vortrag „Hütekinder im Vogelsberg“ einfanden. „Es hilft nichts, Ihr müsst das nächste Mal in die Mehrzweckhalle“, meinte Daniel Wolf von der Gemeindeverwaltung und ein anderer Besucher dachte laut über den Ausbau der Zehntscheuer des Schlosses nach, denn dort hätte man wesentlich mehr Platz zur Verfügung.

Der Vortrag selbst fand jedenfalls großen Anklang. Andrea Albert, die sich im Rahmen ihrer Tätigkeit als Geo- und Naturparkführerin eingehend mit dem Thema beschäftigt hatte, referierte über die damalige Situation der Hütekinder und stellte die besonderen Umstände dar, in denen sie gelebt haben. „Es ist nicht viel bekannt über die Hütekinder, dabei waren sie von 1920 bis 1960 keine Seltenheit im Vogelsberg“, so die Referentin eingangs. Über hundert „Pflegekinder“, wie sie offiziell genannt wurden, waren in dieser Zeit auf Bauernhöfen in der Region untergebracht. Einige Kinder hatten es mit ihren Pflegeeltern gut getroffen, andere wiederrum wurden geschlagen, misshandelt und als billige Arbeitskraft missbraucht. Vielen Vogelsbergern ist das Phänomen Hütekinder überhaupt nicht bekannt. Deshalb erregte eine Berichtsserie großes Aufsehen, die vor einigen Jahren in einer regionalen Tageszeitung erschienen war. Hierin erzählten viele ehemalige Hütekinder über ihr Schicksal, dass ihnen in ihren Pflegefamilien widerfahren ist. Die Redakteurin Annika Rausch, die seinerzeit die Berichtsserie verfasst hatte und das ehemalige Hütekind Maria Müller waren an diesem Sonntag als Gäste im Interview vor Ort. Eindrucksvoll und bewegend schilderte Maria Müller ihre Erlebnisse, die sie in zwei Pflegefamilien im Vogelsberg erfahren hatte und beantwortete geduldig die vielen Fragen der Zuhörer. Im Saal war es teilweise so ruhig, dass man eine Stecknadel hätte fallen hören können. In einem Blick hinter die Kulissen berichtete Annika Rausch, was sie in dieser Zeit so alles erlebt hat. „Ich hätte ein Buch schreiben können“, sagte sie, „die Lebensgeschichten der ehemaligen Hütekinder waren so unterschiedlich, dass jede auf ihre Art einzigartig und interessant war. Alle, die sich gemeldet haben, wurden abgedruckt. Wenn das Thema heute noch einmal aufkäme, ich würde weiterschreiben. Das sind einzigartige historische Zeugnisse einer Generation.“

Eine weitere Bereicherung der Veranstaltung waren die Vertreter der Hessischen familiengeschichtlichen Gesellschaft, die mit Hans Henkel (Verfasser der Familienbücher der Gemeinde Gemünden) angereist waren und den Besuchern mit Rat und Tat zur Seite standen, wenn Angehörige oder Vorfahren gesucht wurden. Manche Frage konnte auch hier beantwortet werden.

Kaffee und Kuchen, sowie Gelegenheit für einen informativen Austausch rundeten das Angebot anlässlich dieser Veranstaltung ab.