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Teil 7 - Die Mühlen in Nieder-Gemünden

Nieder-Gemünden im Wandel der Jahrhunderte
1250 Jahre Nieder-Gemünden, Teil 7
Die Mühlen von Nieder-Gemünden
Verfasser: Bernd Reitz

„In einem kühlen Grunde steht ein Mühlenrad“ ist ein Gedicht von Joseph Eichendorff.

Oft sind auch die „klappernden Mühlen am rauschenden Bach“ Mittelpunkt romantischer Lieder, Sagen und Erzählungen.

Mühlen waren im ausgehenden Mittelalter Sinnbild des Fortschritts, mit ihnen wurden die Naturkräfte des Wassers dem Menschen nutzbar gemacht. Mühlen standen wegen ihrer wirtschaftlichen Bedeutung zumeist unter der Oberhoheit des Landesfürsten, die die Mühlenrechte als Lehen vergab.

In Nieder-Gemünden ist die Existenz von 4 Mühlen bekannt. Diese Mühlen gibt es auch heute noch. Die Gebäude sind allesamt vorhanden.

Wenden wir uns zunächst der Schlagmühle zu.

Die Schlagmühle ist eine der ältesten Mühlen Gemündens. Ihr jetziger Standort ist nicht der ursprüngliche Erbauungsort. Genaue Unterlagen des ehemaligen Standortes sind nicht vorhanden. Aus alten Flurnamenlassen sich jedoch Rückschlüsse ziehen. Am alten Ermenröder Weg in der Körlehohl heißt ein Flurstück „Das Rädchen“, dies ist etwa 300 Meter östlich des heutigen Standortes.

Die wieder aufgebaute Schlagmühle wird von dem Chronisten Karl Erb erwähnt, in dem er darauf hinweist, dass der Eigentümer, der Landgraf von Hessen, sie für 8 Jahre (1585-1593) als Lehen vergeben hatte.

Erste Hinweise auf den „Schlamoller“ finden sich in den seit 1618 geführten Kirchenbüchern. Sein Name war Heinrich Brüll. Geschlechter und Namen wechseln in der Folgezeit. Die weibliche Erbfolge setzte sich in mehreren Generationen fort, so erscheinen im Geschlechte der Schlagmüller immer neue Namen. Der letzte Schlagmüller, Albert Schäfer, fiel als Soldat 1945 bei Königsberg.

Das Mühlrad, das nach dem Krieg lange Jahre stillstand, gibt es nicht mehr. Nur das „Örtenröder Wässerchen“, benannt nach dem im 15. Jahrhundert untergegangenen Dorf Ortenrod, das Jahrhunderte den Mühlgraben speiste, plätschert wie einst durch die Wiesen in die Felda.

Die Mühle, die in den letzten 300 Jahren mehrfach umgebaut wurde, ist heute ein Bauernhof an der Straße nach Elpenrod. Karl Schäfer und sein Sohn Heiko sind hier wohnhaft. Heiko Schäfer betreibt in Nieder-Gemünden noch den einzigen Bauernhof mit Milchkühen. Heiko Schäfer hat dabei auch immer wieder Kinder aus dem Kindergarten und der Grundschule zu Gast, denen er gerne das Leben auf einem Bauernhof näherbringt.

Die Rosselmühle dürfte zwischen 1725 und 1730 erbaut worden sein. Durch Edikt (Verordnung) der Hofkammer zu Darmstadt vom 16.3.1725 wurde

„dem Müller auf der Ordenrödter Mühle (bei Elpenrod) Johann Melchior Becker genehmigt, seine alla stehende Mühle (wegen Wassermangels) weg zu thun und auf die Fell, die Rossel genannt, setzen zu dürfen.“

Die Rosselmühle kannte viele Eigentümer, selbst in großherzoglicher Erbleihe ist sie bewirtschaftet worden. In 1891 wurde die Mühle an Herrmann Fiedler verkauft. Noch beim Erscheinen des Gemündener Heimatbuches am 2o.12. 1992 ist dort zu lesen: „Heute ist in der Gemeinde die Rosselmühle die einzige Mühle, in der noch Mehl gemahlen wird, Besitzer sind Walter Kirchner und dessen Ehefrau Waltraud, geb. Fiedler.“

Der Mühlenbetrieb wurde in 2003 ganz eingestellt. Zuvor war das vorhandene Mühlrad in 1996 zur Energieerzeugung umgebaut worden. Seit 2010 ist Michael Kirchner Eigentümer, das Gebäude wurde von ihm entkernt, saniert und zum Wohngebäude umgebaut. Seit 2016 dient es ihm seiner Familie als Wohnhaus.

Im Salbuch des Amtes Burg-Gemünden von 1582 gibt es Flurnamen, die mit einiger Sicherheit vermuten lassen, dass es neben der Schlagmühle eine weitere Mühle gab.

So heißt es an einer Stelle „bey der neeun Mohln an der gemeinen Straße“. Da mit der „Straße“ die „Hohe Straße“ gemeint ist, die von Friedberg in östlicher Richtung nach Kassel abzweigt, entspricht die Lage der heutigen Oppermühle genau den Angaben im Salbuch. Salbücher sind Verzeichnisse über Besitzrechte einer Grundherrschaft ihrer Untertanen gewesen.

Im Salbuch gibt es auch Namen wie „Opferacker“ oder „Opferwiese“; in den Kastenrechnungen von 1550 kommt der Name Oppermann öfters vor. Erstmalig wird ein Nikolaus Oppermann genannt, der möglicherweise die Wasserrechte für „die neue Mohln“ an der Straße erworben hatte. In der Folge der Generationen ging die Oppermühle durch Heirat der Tochter Katharina mit Konrad, dem Sohn des ersten Rosselmüllers Johann Philipp Becker in den Besitz der Familie Becker über. Die Linie der Familie „Oppermann“ erlosch damit.

Mit dem Namen Friedrich August Becker, Sohn von Konrad Becker (1827) enden die Aufzeichnungen im Archiv.

Im Jahr 1980 überschrieben die Eheleute August Karl Becker und Elisabeth Becker die Oppermühle an ihre jüngste Tochter Jutta Becker-Fröhlich. Diese verkaufte die Mühle am 18. August 2000 an Frau Dr. med. Christine Förster. Nach einer Renovierung der Haupt- und Nebengebäude erstrahlt die Mühle im neuen Glanz. Heute wird die Mühle von drei Generationen zu Wohnzwecken genutzt. Der Müllerbetrieb ist eingestellt, die Wasserrechte ruhen. Aus dem Mühlengraben ist ein Feuchtbiotop geworden. Die Besitzerin engagiert sich in ihrer Freizeit als ehrenamtliche Kuratorin der Greifvogelwarte Feldatal in Ermenrod für Tier-, Arten und Ressourcenschutz. Darüber hinaus verfasst sie als Hobbyautorin Kinderbücher. Die besten Ideen für gute Geschichten liefern die beiden naturverbundenen Enkeltöchter.

Die Geschichte der Dicknertsmühle lässt sich bis ins Jahr 1587 zurückverfolgen. Die Dicknertsmühle wurde auch „Kaufleitmühle“ genannt. Sie war jedoch in 1587 nicht bei den zinspflichtigen Mühlen des Landgrafen aufgeführt. Es ist daher anzunehmen, dass sie später erbaut und in Betrieb genommen wurde. Zu Beginn des 18. Jahrhunderts wird ein Nikolaus Fleischhauer als Dicknertsmüller erwähnt. In all den Jahren hat sie eine wechselvolle Geschichte. Sie wurde dem Baron Schenck zu Wäldershausen überlassen, in ihr war eine Holzschneiderei, auch wurde hier Viehfutter hergestellt, die Chronik spricht von einer „Mannafabrik“. Nachdem auch Fischbandfabrikanten die Mühle nach nur zwei Jahren 1898 wieder Richtung Frankfurt verließen, lag die Dicknertsmühle einsam und verlassen im Tal, manche Hoffnung lag hier begraben, umwuchert von Unkraut. Es schien, als läge ein Unsegen auf dieser Mühle, im Volksmund sprach man schon von der Pechmühle. Einzig die Nieder-Gemündener Jugend schätzte dieses romantische Plätzchen und pilgerte oft hierher zum heimlichen Umtrunk.

Am Ende des 1. Weltkrieges lag die Zukunft düster in der Ferne und düster und dunkel war es auch in den Häusern von Nieder-Gemünden; es gab noch kein elektrisches Licht. Wie oftmals in der Geschichte Nieder-Gemündens waren es auch jetzt Menschen, die mit Ideen und Tatkraft die Entwicklung nach vorne trieben.

Entgegen aller Widerstände erwarb der ehemalige Bürgermeister Karl Becker (Ratswirtshaus) zusammen mit dem Gemeinderatsmitglied Friedrich Martin und den Burg-Gemündenern August Fischer und Georg Sann am 27. Januar 1921 käuflich die Dicknertsmühle.

Ungeahnt war der Widerstand innerhalb der Gemeinderäte. Karl Becker ließ sich jedoch nicht von seinem Vorhaben abbringen, in der Dicknertsmühle ein Elektrizitätswerk zu errichten und so elektrisches Licht in die dunklen Stuben von Nieder-Gemünden zu bringen.

Bald waren die Bauarbeiten abgeschlossen und das über Jahrhunderte still vorbeifließende Ohmwasser wurde nutzbar gemacht. Der große Augenblick kam und Nieder-Gemündener und Burg-Gemündener Augen erblickten die strahlende Helle des neuen Lichtes. Dieses Strahlen überzeugte auch die Gemeinde Bleidenrod, diese bat am 21. Februar 1922 um Anschluss an die Lichtleitung.

Am 12. April 1923 schlossen sich die Dörfer Nieder-Gemünden, Burg-Gemünden und Bleidenrod zu einem Zweckverband zusammen. Im Ergebnis spendete die Mühle nun nicht nur Licht, sondern auch finanzielle Gewinne speisten die Gemeindekasse. Änderungen und Erweiterungen fanden laufend statt. 1928 wurde ein Wohnhaus errichtet und in 1932 wurde über die Staumauer ein Laufsteg errichtet.

Rohstoffmangel im 2. Weltkrieg machten Reparaturen unmöglich und gleichzeitig stieg der Energiebedarf nach dem Krieg an. In den 50-er Jahren gab es dazu lange anstrengende Sitzungen in den kommunalen Gremien. Trotz aller Schwierigkeiten wurde das Elektrizitätswerk erhalten. In 1953 wurde eine neue Turbine eingebaut und für den Maschinisten eine neue Wohnung errichtet. Doch die Pechsträhne hielt an, die neue Turbine konnte aufgrund technischer Probleme nicht voll ausgelastet werden.

Bis 1953 existierte die Elektrizitätsgesellschaft Dicknertsmühle, sie stand unter ihrem Leiter Altbürgermeister Wittich. Am 25. April 1953 lud der neu gegründete Zweckverband „Elektrizitätswerk Dicknertsmühle Nieder-Gemünden“ zur 1. Generalversammlung in die Gaststätte Södler ein.

Tagesordnungspunkte waren dabei die Strompreisfrage und die Wahl der Organe.

Verbandsvorsteher wurde Molkereidirektor Ernst Scholl, sein Stellvertreter der Bürgermeister von Burg-Gemünden, Heinrich Christ.

Da jedoch Ernst Scholl am 2. Mai 1956 verstarb, war zuvor Bürgermeister Schäfer zum Verbandsvorsteher gewählt worden.

Der Verbandsvorstand setzte sich aus den drei Bürgermeistern Schäfer, Christ und Jung zusammen, hinzugewählt wurden die Mitglieder Friedrich Weicker und Rudolf Sann.

Seit Kriegsende war Albinus Albert bis zu seinem Tod in 1963 Maschinenmeister, seine Ehefrau Anni betrieb dort im Nebenerwerb eine Gaststätte.

Da die Fischereirechte der dortigen Ohm an Frankfurter Familien verpachtet wurden, erlebte Nieder-Gemünden auch einen Hauch des Showbusiness. Der legendäre Showmaster und Entertainer Hans-Joachim Kulenkampff (1921-1998) war in der Gaststätte und in Nieder-Gemünden ein gerngesehener Gast. Hier konnte er ungestört seinem Hobby des Angelns nachgehen.

Zu der Elektrizitätserzeugung gab es schon 1959 Hinweise auf zu geringe Kapazitäten. Dazu ist im Kreisanzeiger vom 23.7.1959 zu lesen: „…so wurde beschlossen (vom Vorstand des Zweckverbandes) in der Mittagszeit eine Druschpause einzulegen um den um die Mittagszeit größten Strombedarf zu sichern. Die Dreschmaschinenbesitzer werden angewiesen, dies zu befolgen“.

Auch blieben Zukäufe von Strom von dem ZOV (der heutigen OVAG) nicht aus.

Da es auch in den Folgejahren immer wieder zu grundsätzlichen Diskussionen (Kapazität, Preis, Reparaturen) kam, erfolgte schließlich die Auflösung des Zweckverbandes zum 31.12.1967.

Zitat aus der Oberhessischen Zeitung vom 28.12.1967: „E-Werk Dicknertsmühle kommt zum ZOV“.

Damit endete die kommunale Stromversorgung in Nieder-Gemünden.

Zuvor war Kurt Schönhals nach dem Tod von Albinus Albert für kurze Zeit hauptamtlicher Maschinenmeister. Die Anlage wurde dann an Willi Theiss verkauft. Bis zu seinem Tod in 2019 hatte Willi Theiss dort seinen Wohnsitz und betreute die Gebäude.

Derzeit ist die Zukunft der Dicknertsmühle ungewiss, Räume davon sind vermietet.

Abschließend noch ein Hinweis zu einer 5. Mühle in Nieder-Gemünden.

In einigen Quellen wird von einer 5. Mühle berichtet. Die Neumühle, erbaut 1782 von der Schenckschen Familie, stand auf der Gemarkungsgrenze und gehörte zu Rülfenrod. Ein Hochwasser 1881 zerstörte das Wehr, im folgenden Jahr wurde sie zum Abbruch verkauft.